Der Landflucht will die Pinzgauer Wirtschaft aktiv entgegen wirken. Dazu soll die Oberpinzgauer Aktion „Komm-Bleib“ auf den ganzen Bezirk ausgeweitet werden.

Im Oberpinzgau wurde die Gefahr zuerst erkannt: die Bevölkerung wandert ab, trotz guter wirtschaftlicher Situation. Vor allem viele junge Leute verlassen die Region, um anderswo beruflich Fuß zu fassen. Von 2001 bis 2010 hat die Region 6,4 Prozent seiner Einwohner verloren. Neun Gemeinden, die im Verband Oberpinzgau zusammengeschlossen sind, wehren sich seither gegen die Landflucht und starteten 2011 die Aktion „Komm-Bleib“. Dazu wurde eine Plattform (www.komm-bleib.at) eingerichtet, auf der viele Daten zusammengefasst sind.
Nick Kraguljac, Obmann der Wirtschaftskammer Zell am See, macht die Entwicklung des Bezirks Sorgen – „wenn wir nichts dagegen machen.“ Dann ginge fast ein Drittel der unter 20-Jährigen in den nächsten zehn Jahren verloren. Besonders dramatisch sei die Situation im Bereich Weißbach bis Unken und im Unterpinzgau. „Verlieren wird auch der Oberpinzgau und der Zentralraum stagniert, wie es heute ausschaut. Das einzige Wachstumsgebiet ist von Leogang bis Maria Alm. Das heißt, für uns, die in der Wirtschaft tätig sind, wird es immer wichtiger, Personal zu halten und zurück zu bekommen.“
Deshalb will Kraguljac die Aktion Komm-Bleib auf den gesamten Bezirk ausweiten. „Mir gefällt dabei, dass nicht nur harte Fakten gezeigt werden, sondern auch die Schönheit unserer Pinzgaus, die Attraktivität des Lebens hier.“
Wobei die harten Fakten durchaus beeindruckend sind: Kraguljac: „Im Pinzgau wird ein Bruttoregionalprodukt von 5,6 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das sind nur 400 Millionen weniger als das Burgenland, das heißt, wir sind ein relativ starker Wirtschaftsraum. Wir beschäftigen 37.000 Personen, davon 8000 im Tourismus, dazu kommen rund 1000 Personen, die saisonal hierher kommen.“ Um die Wirtschaft stark halten zu können, müssten alle Anstrengungen unternommen werden, um Fachkräfte im Bezirk zu halten bzw. hierher zu bringen.
Der Obmann des Regionalverbandes Oberpinzgau, Bgm. Wolfgang Viertler (Mittersill), beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema. „Damit erzeugt man keine Euphorie, trifft nicht auf breites Interesse, es ist eher unangenehm, aber wir müssen uns darum kümmern.“ Einige Betriebe hätten die Politik dafür sensibilisiert: „2011 hat Blizzard 30 polnische Leiharbeiter beschäftigt, wir hatten damals einen sehr dürren Arbeitsmarkt.“ Die Oberpinzgauer wollten wissen, wohin die Reise geht, wie sich die Region entwickelt. „Wir wussten schon damals, dass es eine demographische Veränderung gibt. 2011 war für uns ein Schnittpunkt. In den 30 Jahren davor gab es ein unglaubliches Wirtschaftswachstum und eine dynamische Bevölkerungsentwicklung. Der Zentralraum rund um Zell am See war sehr prosperierend und die Bevölkerungsanzahl hat dort um 26 Prozent zugenommen. Der Oberpinzgau, der im Windschatten von Zell am See und Kitzbühel fährt, konnte sich gut entwickeln, hatte 13 Prozent Wachstum in der Bevölkerung. Im unteren Saalachtal war es bescheiden.“
Ein Blick auf die Prognosen der nächsten 30 Jahre sei aber dramatisch, so Viertler. „Der Zentralraum stagniert faktisch, der Oberpinzgau verliert, das untere Saalachtal und der Unterpinzgau verlieren noch mehr. Und wenn wir die Alterspyramide dahinterstellen, dann ist es mit ruhig und gemächlich vorbei, dann haben wir hochdramatische Entwicklungen, die tief in eine gesellschaftliche Veränderung gehen.“
Andiskutieren müsse man auch den gesellschaftspolitischen Hintergrund, sagt der Mittersiller Bürgermeister, denn „es ist nicht so, dass in dieser Region die Geburtenrate stehen bleibt, aber die Hochqualifizierten wandern ab.“ Und darunter vor allem viele junge Leute. „Die Zukunft einer Gesellschaft ist die Jugend. Wenn wir 20 Prozent der Jugend verlieren, dann verlieren wir allein im Oberpinzgau in den nächsten dreißig Jahren im Bereich der Mitte im Arbeitsleben stehenden Personen zwischen 15 bis 45 Jahren 500 Menschen. Das ist dramatisch, wenn ich das hochrechne. Es kommt auch zu einer Überalterung, zu einer Verdoppelung der über 80-Jährigen und der Altersgruppe 60 Plus, das hat auf die Gesellschaft Auswirkungen.“ Vor allem in Randregionen könne sich das stark auf die Infrastruktur auswirken, betonte Viertler und meinte: „Das müssen wir auch in Wien klar machen“, so Viertler.
Klar machen muss man die Situation auch im Pinzgau selbst – zu einer Informationsveranstaltung am Montag kamen nur knapp über 20 Interessierte. „Wir haben erst relativ wenig Unternehmen, die mitmachen, wir müssen dafür das Bewusstsein schärfen und die Aktion bekannt machen“, sagt Dietmar Hufnagl, der Leiter Wirtschaftskammer Zell am See. „Die Aktion hat unglaubliches Potenzial, es braucht aber den ganzen Pinzgau dazu.“
Es gehe nicht nur um das vermitteln von offenen Stellen, sondern das Instrument habe weitere wichtige Teile. Hufnagl: „Ich erhalte immer wieder Anfragen von Firmen, die gerne im Pinzgau eine Zweigstelle aufmachen wollen und Flächen brauchen. Ich kann sie nur an Gemeinden weiterverweisen. Ich weiß, einige von ihnen haben bereits ein sehr gutes Flächenmanagement, aber manche auch ein weniger gutes. Oder wir vermitteln Interessenten an Immobilienmakler oder an das Regionalmanagement. Diese Situation ist unbefriedigend, die Plattform würde die Tools dafür bieten, das perfekt einzubauen.“
Nun versuchen die bisherigen Partner, die Wirtschaftskammer, das Arbeitsmarktservice und die Sparkasse Mittersill, möglichst viele Unternehmen zu gewinnen, um das Projekt auf den ganzen Bezirk ausbauen zu können. Als Trägerorganisation könnte ein Verein gegründet werden, meint Hufnagl. Ansprechen möchte die Kammer vor allem Firmen ab zirka 40 Mitarbeitern. Allein davon gibt es rund 300 im Bezirk. Etwa 30.000 Euro kostet die Finanzierung des Projekts. Zu klären sind auch noch einige Datenschutzprobleme. Das sei aber kein Problem, meinte der für das Projekt Zuständige Niedernsiller Andreas Mühlbauer. „Jeder muss natürlich für die Veröffentlichung der Daten seine persönlichen Zustimmung geben.“
Seit drei Jahren ist die Plattform „Komm-Bleib“ in Betrieb, ständig gibt es Verbesserungen, so Mühlbauer. „Ziel ist ein nachhaltiges Regionsmarketing mit Informationen über den Wirtschaftsstandort und Lebensraum Pinzgau. Unternehmen können sich hier präsentieren, für sie ist es auch eine Unterstützung in der Rekrutierung von Facharbeitern. Für Arbeitssuchende ist es eine Jobbörse, aber auch eine Börse für Diplomarbeiten und Praktika“, so der Komm-Bleib-Projektmanager. Vorgestellt wurde auch ein neues Tool, die Job-Software „Onto Job“, das machte Manfred Schwanthaler vom Competence Center Hagenberg. Daten und weitere Informationen gibt es direkt unter www.komm-bleib.at.
[Pinzgauer Nachrichten]